Der ewige Gurt-Dilemma: Welcher Kameragurt ist der Perfekte. Heute ein ausführlicher Blick auf den Lemurstrap.
Hintergrund zur Marke
Bevor wir uns der Hardware widmen, lohnt ein kurzer Blick auf die Herkunft. Der Lemurstrap ist kein Produkt eines gesichtslosen Großkonzerns, sondern entstammt der Outdoor-Szene in Boulder, Colorado. Wie so viele innovative Foto-Accessoires der letzten Jahre begann auch die Reise dieses Gurtes auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter. Die Kampagne war erfolgreich, was zeigt, dass der Leidensdruck unter Fotografen bezüglich ihrer Trage Lösungen offenbar groß genug war, um einem Newcomer Vertrauen zu schenken.
Der Name ist dabei nicht zufällig gewählt. Die Macher haben sich nicht nur von der Agilität der Lemuren inspirieren lassen, sondern verknüpfen den Verkauf auch mit einem karitativen Zweck. Ein Teil des Gewinns fließt in den Schutz dieser bedrohten Primaten auf Madagaskar.
Das ist ein netter Aspekt, der dem Produkt eine sympathische Note verleiht, auch wenn er für die rein technische Bewertung der Funktionalität natürlich zweitrangig ist. Es zeigt jedoch, dass hier Menschen am Werk sind, die über den reinen Verkauf hinausdenken und eine gewisse Philosophie mit ihrem Produkt transportieren wollen. Für uns als Nutzer ist aber entscheidender, ob die Agilität des Namenspatrons auch auf die Handhabung der Kamera abfärbt.
Der Lemurstrap
Nimmt man den Lemurstrap zum ersten Mal in die Hand, fällt sofort die massive Bauweise auf. Wir haben es hier nicht mit einem filigranen Accessoire für die kleine Kompaktkamera zu tun. Der Gurt selbst besteht aus einem breiten Nylongewebe, das stark an Sicherheitsgurte aus der Automobilindustrie erinnert. Das Material wirkt extrem reißfest und langlebig, hat aber auch eine gewisse Steifigkeit, die Vertrauen erweckt.
Die Breite des Gurtbandes liegt bei etwa 38 Millimetern, während das Schulterpolster, das eigentliche Herzstück der Konstruktion, auf gut 51 Millimeter kommt.
Das Schulterpolster ist aus einem silikonartigen Material gefertigt. Auf der Unterseite, also der Körperseite, befinden sich erhabene Strukturen, die optisch an Lemuren-Pfoten erinnern sollen. Diese Struktur dient aber nicht nur dem Design, sondern sorgt primär für Haftung. Der Gurt soll auf der Schulter bleiben und nicht verrutschen, egal was für eine Jacke man trägt.
Die Hardware-Komponenten, also die Schnallen und die Bodenplatte, sind aus Metall gefertigt, vermutlich eloxiertes Aluminium, was sich kühl und wertig anfühlt. Plastik sucht man an den kritischen Belastungspunkten vergeblich, was ich sehr begrüße.
Ein wichtiges Detail ist die Längenverstellbarkeit. Der Gurt lässt sich in einem Bereich von etwa 115 bis 140 Zentimetern justieren (in der Standard-Variante), was für die meisten Körpergrößen ausreichend sein sollte, um die Kamera bequem auf Hüfthöhe zu tragen.
Das Gesamtgewicht des Systems ist spürbar. Es ist kein Leichtgewicht, aber das Eigengewicht vermittelt auch eine gewisse Stabilität, die gerade bei der Verwendung mit schwereren Vollformat-Kameras und lichtstarken Objektiven notwendig ist.
Die Funktionsweise des Gurtes
Was den Lemurstrap von der Masse der Sling-Gurte unterscheidet, ist seine mechanische Funktionsweise. Bei vielen Konkurrenzprodukten rutscht der gesamte Gurt über die Schulter, wenn man die Kamera zum Auge führt. Das führt oft dazu, dass sich Kleidung mitzieht oder das Schulterpolster irgendwann im Nacken landet, wo es scheuert.
Der Lemurstrap geht hier einen anderen Weg. Der Gurt läuft innerhalb des Schulterpolsters. Das Polster selbst bleibt fixiert auf der Schulter liegen, während das Nylonband beim Anheben der Kamera hindurchgleitet.
Dieses Prinzip wird durch einen Klemmmechanismus am Schulterstück, ergänzt. Dies ist eines der zentralen Features. Mit einem kleinen Hebel kann man den Gurt fixieren. Ist der Hebel geschlossen, sitzt die Kamera fest an einer Position, meist auf dem Rücken oder an der Hüfte. Sie pendelt nicht, was beim Wandern oder Radfahren extrem angenehm ist. Öffnet man den Hebel, wird der Gurt freigegeben und die Kamera lässt sich sofort und ohne Widerstand zum Auge führen.
Ein weiteres wesentliches Element ist die Befestigung an der Kamera. Der Lemurstrap nutzt nicht die seitlichen Ösen der Kamera, sondern wird über eine massive Bodenplatte am Stativgewinde befestigt.
Diese Platte ist Arca-Swiss-kompatibel, was bedeutet, dass man die Kamera direkt auf entsprechende Stativköpfe setzen kann, ohne den Gurt abmontieren zu müssen. In dieser Bodenplatte ist zudem ein kleines Werkzeug versteckt, ein Torx T-25 Schlüssel, mit dem sich die Platte festziehen lässt.
Die Verbindung zwischen Gurt und Bodenplatte erfolgt über zwei Schnellverschlüsse. Diese lassen sich per Knopfdruck lösen, sodass man die Kamera komplett vom Gurt trennen kann. Das ist ein Detail, das in der Praxis oft unterschätzt wird, aber für bestimmte Aufnahmesituationen essenziell ist.
In der Praxis: Der Alltagstest
Ich habe den Lemurstrap nun über mehrere Wochen an einer Sony A7 Vollformatkamera sowie an einer etwas leichteren analogen Spiegelreflexkamera getestet.
Das erste Anbringen erfordert etwas Geduld. Die Bodenplatte muss fest sitzen, und hier zeigt sich eine kleine Eigenheit: Der Hersteller setzt auf Torx-Schrauben statt auf die üblichen Inbus- oder Schlitzschrauben. Das mitgelieferte Werkzeug ist zwar clever in der Platte verstaut, aber sollte man es verlieren, steht man erst einmal da, denn einen T-25 Schlüssel hat man selten einfach so in der Hosentasche.
Einmal montiert, sitzt die Platte jedoch bombenfest und verdreht sich nicht, was bei günstigeren Lösungen oft ein Ärgernis ist.
Das Tragegefühl ist exzellent. Das breite Silikonpolster verteilt das Gewicht der Kamera sehr gut auf der Schulter. Auch nach mehrstündigen Spaziergängen hatte ich keine Druckstellen. Die gummierte Unterseite hält, was sie verspricht; das Polster klebt förmlich an der Kleidung, ohne dabei unangenehm zu sein.
Der “Aha-Effekt” tritt ein, wenn man den Mechanismus verinnerlicht hat. Die Kamera hängt sicher auf dem Rücken, während man läuft. Sie stört nicht, sie schwingt nicht. Sieht man ein Motiv, greift die rechte Hand zur Kamera, während die linke Hand oder sogar nur der Daumen den Klemmhebel am Gurt löst. Das Nylonband surrt leise durch das Polster, und die Kamera ist am Auge. Das funktioniert flüssig und ohne Ruckeln. Es ist ein sehr mechanisches, befriedigendes Gefühl.
Besonders positiv aufgefallen ist mir eine Situation, die in der Produktbeschreibung oft nur am Rande erwähnt wird, für mich aber essenziell ist: Der schnelle Wechsel in komplizierte Positionen. Wer gerne bodennah fotografiert, kennt das Problem. Der Gurt ist im Weg, er spannt, oder man muss sich seltsam verrenken, weil die Länge nicht reicht, um die Kamera ganz auf den Boden zu legen, während der Gurt noch um den Hals liegt. Beim Lemurstrap drücke ich einfach die Entriegelungsknöpfe an der Bodenplatte.
Das geht freihändig und sekundenschnell. Die Kamera ist sofort vom Gurt gelöst. Der Gurt selbst bleibt wie eine Schärpe am Körper hängen, er fällt nicht in den Dreck. Ich kann mich frei bewegen, die Kamera in eine Pfütze halten oder über Kopf halten, ohne durch den Gurt limitiert zu sein.
Ist das Foto im Kasten, klicke ich die Kamera einfach wieder in die Verschlüsse ein. Das Einklicken erfordert etwas Übung, da man die Aufnahmepunkte blind finden muss, aber nach ein paar Tagen hat man das Muskelgedächtnis dafür entwickelt. Aber hat sie auch schnell wieder am Gurt, und genau das ist der Punkt, der den Workflow so angenehm macht. Es gibt keine fummeligen Schlaufen, die man erst entwirren muss.
Die Arca-Swiss-Kompatibilität der Bodenplatte funktioniert tadellos mit meinen Stativköpfen. Dies ist besonders angenehm, da man nichts wechseln muss und schnell zwischen Stativ und Gurt wechseln kann.
Die Befestigung am Stativgewinde hat aber auch, je nach Kamera, seine Nachteile. Viele Kameras haben ihr Batteriefach auf der Unterseite. Im einfachsten Fall muss man die Kamera einfach nur vom Gurt lösen und so die Batterie wechseln, was den Nachteil hat, dass man nicht mehr die Sicherheit des Gurtes hat. Bei manchen Kameras kann die Stativplatte aber auch das Fach blockieren.
Bei kleineren Kameragehäusen kann es passieren, dass sie das Akkufach blockiert. Das ist bei Zubehör, das über das Stativgewinde befestigt wird, ein bekanntes Problem, aber man sollte es vor dem Kauf bedenken. Wenn ich schnell den Akku wechseln musste, war das gelegentlich ein kleiner Störfaktor, da ich erst das Werkzeug herausfummeln und die Platte lösen musste, sofern der Zugang blockiert war.
Ein Kritikpunkt, der mir während der Nutzung auffiel, betrifft die Größe des Systems. An einer großen Kamera wirkt der Gurt proportional passend. Montiert man ihn jedoch an eine zierlichere Kamera, etwa einer Olympus OM 2, wirkt das System fast schon überdimensioniert.
Die breite Platte und das dicke Gurtband dominieren dann das Handling der Kamera zu sehr. Hier wäre eine Variante, die etwas kleiner ist für kleinere Kameragehäuse, eine absolut sinnvolle Ergänzung des Portfolios. Was möglich ist, ist den Gurt auszutauschen und nur die Befestigungsplatte zu nutzen.
Fazit
Der Lemurstrap ist ein sehr solider Gurt. Die Verarbeitung ist über jeden Zweifel erhaben. Hier wurde nicht gespart, und das merkt man an jedem Bauteil.
Das System löst das Problem des rutschenden Gurtes und der schwingenden Kamera auf elegante und mechanisch robuste Weise. Besonders die Möglichkeit, die Kamera blitzschnell vom Gurt zu trennen und ebenso schnell wieder zu sichern, macht ihn für mich zu einem sehr flexiblen Begleiter.
Für Besitzer großer, schwerer Kamerasysteme ist der Lemurstrap eine klare Empfehlung. Er nimmt die Last von der Schulter und gibt Bewegungsfreiheit zurück. Wer jedoch primär mit kleinen, leichten Kameras unterwegs ist, wird sich vermutlich eine “Light”-Version wünschen, die weniger aufträgt. Bis dahin bleibt der Lemurstrap der robuste Schwerlasttransporter unter den Gurten – verlässlich, stark und immer bereit für den nächsten Einsatz.
Lemurstrap bestellen
Wer sich nun selbst ein Bild machen möchte oder seiner Schulter etwas Gutes tun will, kann den Gurt direkt über die Website des Herstellers beziehen. Es lohnt sich, vorab zu prüfen, ob die eigene Kamera und die Stativköpfe harmonieren.























